Das entwertete Dementi

Deepfakes · Teil 1 von 5

Das wahrscheinlichste Szenario ist nicht der perfekt gefälschte Skandal. Es ist die banale Variante: ein Vierzig-Sekunden-Video, in dem eine Vorstandsvorsitzende etwas sagt, das sie nie gesagt hat. Nicht besonders gut gemacht. Es läuft trotzdem, weil es zu etwas passt, das ohnehin schon über das Unternehmen erzählt wird und die naheliegende Sorge ist, dass die Leute es glauben. Die Forschung legt nahe, dass das die falsche Sorge ist.

Deepfakes überzeugen seltener als vermutet

Seok Kang und Kayla Valadez haben 2025 vierundzwanzig experimentelle Studien mit insgesamt 20.685 Teilnehmenden aus zehn Ländern zusammengeführt — die bislang umfassendste Zusammenschau zur Wirkung von Deepfakes auf Personen. Ihre Hypothese war, dass Deepfakes weniger glaubwürdig sind als andere Darstellungsformen, doch das Ergebnis zeigte zwar in diese Richtung, verfehlte aber die statistische Signifikanz. Wichtiger als der Befund ist aber der Nichtbefund, denn es gibt keinen Beleg, dass audiovisuelle Fälschungen überzeugender sind als Falschbehauptungen in Textform. So beschreibt es Teresa Weikmann in ihrem Artikel für die Elgar Encyclopedia of Political Communication. Die These, nach der das reichere Medium automatisch stärker wirkt, bestätigt sich auf der Wirkungsebene nicht.

Zwei Einschränkungen müssen gemacht werden. Zum einen endete die Literatursuche der Metaanalyse im Oktober 2024 und keine der einbezogenen Studien arbeitet mit der aktuellen Generation von Videomodellen. Zum zweiten ist die Heterogenität der Untersuchungen so hoch, dass zwar nicht der zusammengefasste Wert, aber der Emotionsbefund interessant ist: Deepfakes lösen stärkere emotionale Reaktionen aus als die Vergleichsformate. Aber auch hier muss eine wichtige Einschränkung genannt werden, denn gemessen wurden zugewandte Emotionen wie Empathie, Mitgefühl oder Wärme, dagegen spielten Bedrohung oder Angst keine Rolle. Nicht allzu überraschend wirkten in der Versuchsanordnung Bildungs- und Gesundheitsvideos, also Material zum Nutzen der Zielgruppe, am stärksten. Dagegen fand das ebenfalls eingestreute politische Video nur wenig Aufmerksamkeit. Die Ergebnisse legen also nahe, dass Deepfakes kein Verstärker für Unruhe, sondern ein Verstärker für Beteiligung sind.

Die Wirkung nutzen auch Betrüger

Die daraus folgende Symmetrie ist zugegebenermaßen etwas unbequem: Das Wirkprinzip, vor dem sich Kommunikationsabteilungen schützen wollen, ist offenbar dasselbe, das die Kolleginnen in der Kampagnenplanung gerade für sich entdecken. Und es ist dasselbe, mit dem Betrüger arbeiten. Auch dafür zeigen sich leider schon mehr Belege, als uns lieb sein kann. Im Juli dieses Jahres teilte die Polizeidirektion Chemnitz einen Fall mit, der das belegt. Eine Frau aus Lichtenberg in Mittelsachsen hatte ein Video entdeckt, das eine Folge der ZDF-Talkshow Markus Lanz vortäuschte. Eine angebliche Finanzexpertin sprach vermeintlich mit Markus Lanz über eine neue Investmentplattform. Ein Link führte zur Internetseite „Investhub 3.0“. Die erste Überweisung der Frau betrug 250 Euro. Bis zur Anzeige etwa drei Monate später waren es mehr als eine Million, verteilt auf zahlreiche Zahlungen an wechselnde Konten.

Entscheidend ist, welche Rolle die Fälschung in diesem Ablauf spielt. Sie täuscht nicht bis zum Schluss, sie öffnet die Tür. Das manipulierte Video erzeugt genug Glaubwürdigkeit, damit jemand seine Kontaktdaten hinterlässt. Dann übernehmen menschliche Betrüger den Kontakt. Der Rahmen, in dem das Video wirkt, ist alt: ein bekanntes Gesicht, ein Senderlogo, nachgebaute Nachrichtenseiten. Die Faktencheck-Organisation Mimikama, die seit Monaten vor dieser Betrugsmasche warnt, hält deshalb die Rede vom täuschend echten Deepfake für zu kurz gegriffen. Es ist nicht die Technik, die den Betrug trägt; sie liefert nur den Vertrauensvorschuss, den ein geklontes Format allein nicht mehr hergibt.

Warum das für die Unternehmenskommunikation wichtig ist? Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären Kommunikationschefin oder Kommunikationschef der Produktionsfirma von Markus Lanz. Es liegt auf der Hand, dass der Missbrauch der Marke ein Problem ist, um das Sie sich kümmern müssen. Wer ein bekanntes Format verantwortet haftet zwar nicht für dessen Fälschung, verliert aber Vertrauen.

The Liar’s Dividend

Damit zu dem Risiko, das erheblich unterschätzt wird. Die Rechtswissenschaftler Robert Chesney und Danielle Citron haben 2019 in der California Law Review beschrieben, was sie den „Liar’s Dividend“ nennen — den Vorteil des Lügners. Der Gedanke ist so einfach wie beunruhigend: Je bekannter wird, dass sich Video und Audio täuschend echt fälschen lassen, desto leichter wird es, auch echtes Belastungsmaterial als Fälschung abzutun. Die Aufklärung über Deepfakes schafft also ihre eigene Schutzbehauptung.

Wer „gefälscht“ sagt, schuldet den Beweis.

Der Februar-Fall zeigt beides in einer Bewegung. Ein handwerklicher Fehler eines Senders wurde binnen zehn Tagen zum Gegenstand einer Aktuellen Stunde im Bundestag, in der eine Fraktion den Vorwurf der bewussten Manipulation erhob, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk per se zu diskreditieren. Der Fehler war real. Die interessengetriebene Deutung des Vorfalls ging aber weit darüber hinaus und so nur möglich, weil es den Fehler gab.

Genau hier liegt die neue Qualität der Verschiebung: Bislang war das pauschale „Das ist gefälscht“ ein billiger Reflex. Das war schnell gesagt, kaum überprüfbar, im Zweifel wirksam und vor allem folgenlos. Mit dem Zwang zum Herkunftsnachweis ändert sich diese Rechnung. Wo Authentizität nachweisbar wird, wird das falsche Fälschungs-Dementi selbst zum Reputationsrisiko. Wer „gefälscht“ sagt, schuldet den Beweis. Wer ihn nicht führen kann, macht die Lage schlimmer, als sie war. Der unüberlegte Umgang mit Dementis gehört wohl der Vergangenheit an, sowohl in der externen als auch in der internen Kommunikation.

Die billigere Fälschung

Wie viel Schaden ohne jede synthetische Technik möglich ist, zeigt ein Fall aus dem Jahr 2016. Am Nachmittag des 22. November verschickten Unbekannte eine Pressemitteilung im Namen des französischen Baukonzerns Vinci an Agenturen und Zeitungen: Darin revidierte der Konzern die Abschlüsse für 2015 und das erste Halbjahr 2016, es seien buchhalterische Unregelmäßigkeiten in Milliardenhöhe festgestellt worden, der Finanzvorstand sei entlassen. Die Mitteilung war mit dem Namen des echten Pressesprechers unterzeichnet und lag auf einer Spiegeldomain, deren Adresse sich nur geringfügig von der echten unterschied. Wer die angegebene Rückrufnummer wählte, bekam jemanden ans Telefon, der den Vorgang mündlich bestätigte. Um 16.05 Uhr verbreitete Bloomberg die Meldung, ohne sie zu prüfen. Der Kurs fiel um bis zu 18 Prozent; rund sechs Milliarden Euro Börsenwert waren binnen Minuten vernichtet.

Zweiundzwanzig Minuten später schoben die Täter ein zweites Kommuniqué nach. Es dementierte die erste Meldung im Namen der Konzernleitung — und deutete zugleich an, an den aus dem Büro durchgesickerten Informationen sei womöglich etwas dran. Erst danach dementierte Vinci selbst.

Drei Beobachtungen machen diesen Fall zum Lehrstück.

  • Es war keine künstliche Intelligenz im Spiel. Eine Textverarbeitung, eine ähnlich klingende Domain, eine Telefonnummer. Der Schaden übersteigt alles, was für Deepfakes an Einzelfallschäden dokumentiert ist.
  • Das gefälschte Dementi ist der Vorteil des Lügners in Reinform. Wer die Möglichkeit der Fälschung ins Spiel bringt, muss nicht mehr belegen; er muss nur noch zweifeln lassen.
  • Sanktioniert wurde nicht, wer gefälscht hat, sondern wer nicht geprüft hatte. Die französische Finanzaufsicht AMF verhängte im Dezember 2019 fünf Millionen Euro Bußgeld gegen Bloomberg wegen unterlassener Verifikation. Ein Berufungsgericht reduzierte den Betrag 2021 auf drei Millionen. Die Urheber wurden nie ermittelt.

Sechs Jahre später traf es Eli Lilly. Ein Konto mit Firmennamen, Firmenlogo und einem für acht Dollar erworbenen Verifikationshaken meldete, Insulin sei ab sofort kostenlos. Das Konto blieb Stunden online, der Kurs gab nach, das Unternehmen stellte seine Werbung auf der Plattform ein. Bemerkenswert ist die Nebenwirkung: Auch Novo Nordisk und Sanofi verloren, obwohl sie mit der Fälschung nichts zu tun hatten. Wer in einer Branche arbeitet, in der ein Wettbewerber schlecht gesichert ist, trägt dessen Risiko mit.

Wo die Aufmerksamkeit tatsächlich hingehört

Bleibt die Frage, wie wahrscheinlich der aufwendige Fall überhaupt ist. Teresa Weikmann hält Deepfakes für die vermutlich seltenste Form visueller Desinformation, obwohl der öffentliche und wissenschaftliche Diskurs einen anderen Eindruck vermitteln. Fact-Checker berichten, dass Deepfakes ihre Arbeit bislang kaum beeinflusst haben, weil sie zu selten vorkommen. Aufmerksamkeit verdient weniger die aufwendige Fälschung, als das echte Material, das aus dem Kontext gerissen schlimmer wirkt als jeder Deepfake und der gefälschte Absender, der eine ganze Meldung trägt. Beides ist billig. Beides ist alt. Und beides wird von keiner Kennzeichnungspflicht erfasst.

Zwischenstand: Das Risiko liegt nicht dort, wo die Debatte es vermutet. Nicht die Täuschung trägt die Gefahr, sondern die Erregung. Nicht das gefälschte Video, sondern das Dementi, das sich als falsch beweisen lässt. Und der teuerste Angriff ist selten der teuerste in der Herstellung.

Quellen

  1. Kang, Seok; Valadez, Kayla: Deepfakes’ Cognitive, Emotional, and Behavioral Impact. A Systematic Review and Meta-Analysis of Individual Responses. Journalism & Mass Communication Quarterly 102(4), 2025, S. 958–992. DOI
  2. Weikmann, Teresa: Deepfakes. In: Elgar Encyclopedia of Political Communication, Band 1, 2025, S. 379–382. Cheltenham: Edward Elgar Publishing. [Verlagsseite oder DOI ergänzen]
  3. Chesney, Robert; Citron, Danielle Keats: Deep Fakes. A Looming Challenge for Privacy, Democracy, and National Security. California Law Review 107(6), 2019, S. 1753–1820. Volltext · DOI
  4. Mimikama: Fake-Video mit Markus Lanz — Frau verliert über eine Million Euro. 13. Juli 2026. mimikama.org. Zugrunde liegt die Mitteilung der Polizeidirektion Chemnitz vom 6. Juli 2026. [Link ergänzen]
  5. Deutscher Bundestag: Aktuelle Stunde zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. 25. Februar 2026. bundestag.de
  6. Wirtschaftswoche: Baukonzern Vinci — gefälschte Pressemitteilung löst Kurssturz aus. 23. November 2016. wiwo.de · Handelszeitung zur AMF-Untersuchung · Euronews zum Berufungsurteil 2021
  7. Forbes: Fake Eli Lilly Twitter Account Claims Insulin Is Free, Stock Falls. 12. November 2022. forbes.com · Fierce Pharma, 14. November 2022

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