Nachweisfähigkeit ist einen Frage der Organisation

Deepfakes · Teil 5 von 5

Es gibt in diesem Feld genau eine Maßnahme, deren Wirkung experimentell belegt ist: Medienkompetenz-Training. Es ist zugleich die, die am seltensten ergriffen wird. Die zweite, die Verifikationsroutine im Redaktionsprozess, braucht keinen empirischen Beleg, sondern Arbeitskultur. Der Nutzen zeigt sich überdeutlich, wenn sie gefehlt hat.

Wo Strukturen gebaut werden – und wo nicht

Die KPMG-Befragung, die hier schon mehrfach erwähnt wurde, zeichnet für 2026 ein Bild fortgeschrittener Formalisierung. Vier von fünf (82 %) Unternehmen gaben an, dass regulatorische Vorgaben wie die KI-Verordnung ihren Umgang mit KI stark oder sehr stark beeinflussen. Ein erheblicher Teil steuert vertrauenswürdigen KI-Einsatz bereits strategisch und unternehmensweit; andere haben ihn formal definiert oder operativ geregelt. Bemerkenswert ist, wo diese Verankerung gerade nicht stattfindet. Vorreiter sind nach der Studie die Industrielle Fertigung, die Versicherungen und die Banken. Als Nachzügler zeigen sich ausgerechnet die Medien. Zwar sollte man angesichts der quotierten Stichprobe den Befund nicht überinterpretieren, aber als Beobachtung ist er bermerkenswert: Die Branche, deren Geschäftsgrundlage Vertrauen ist, hat vertrauenswürdige KI am wenigsten verankert.

Aufschlussreicher noch ist die Rangfolge der umgesetzten Maßnahmen. Auf Basis der Unternehmensbefragung und damit als Managementbeobachtung zu lesen zeigen sich die folgenden Handlungsfelder: kontinuierliche Überwachung und Kontrolle von KI-Systemen 54 Prozent, Einbindung externer Expertise 49, klare Verantwortlichkeiten und Governance-Strukturen 37, Transparenzmaßnahmen und interne Richtlinien je 32, Inventarisierung und prüffähige Dokumentation 25, Schulungen und Sensibilisierung von Mitarbeitenden 25, Prüfung und Absicherung von Daten und Modellen 24. Ob sich die genannten Bereiche auch auf die Kommunikationsarbeit beziehen, weist die Studie nicht aus.

Dem gegenüber steht der Befund der Metaanalyse von Kang und Valadez. Sie stellten fest, dass Medienkompetenz der Faktor ist, an dem sich die Wirkung von Deepfakes tatsächlich bricht. Wo Teilnehmende geschult oder gewarnt worden waren, sank die zugeschriebene Glaubwürdigkeit deutlich; ohne Schulung blieb sie unverändert. Dasselbe gilt für die Bereitschaft, das Material weiterzuverbreiten. Über alle Studien hinweg war das der klarste Moderationseffekt. Das zeigt sich auch in einer Befragung der dpa. Unter 90 Chefredaktionen nannten 68 passgenaue Schulungen als das, was in ihren Redaktionen fehlt; mit Abstand die häufigste Nennung. Die Erhebung stammt aus dem Frühjahr 2023 und ist eine Vertriebspublikation des Anbieters; dennoch ist die Größenordnung durchaus bemerkenswert.

Beim ZDF existierten bereits Regeln. Was fehlte war kein Regelwerk, sondern der Nachweis, dass sie auch beachtet wurden.

Die Priorisierung der Aktivitäten lässt sich leicht nachvollziehen: Governance-Strukturen lassen sich schneller aufbauen als Kompetenz. Und sie lassen sich vorzeigen.Das mag „innenpolitisch“ verständlich sein, richtig ist es aber trotzdem nicht. Der Fall aus dem Februar illustriert das Problem präzise: Die Regeln beim ZDF waren nicht das Problem, der Prozess dageben schon.

Wer am besten dafür aufgestellt ist

Eine Zahl aus dem Edelman Trust Barometer 2026 verdient hier Aufmerksamkeit, weil sie eine verbreitete Selbsteinschätzung korrigiert. Gefragt wurde, welche Institutionen die Aufgabe haben, Gräben zu überbrücken und Vertrauen zwischen misstrauischen Gruppen aufzubauen — und wie gut sie das tun. In Deutschland klafft zwischen Erwartung und Leistung überall eine Lücke: bei der Regierung 48 Punkte, bei den Medien 34, bei Nichtregierungsorganisationen 28, bei der Wirtschaft insgesamt 27, bei CEOs 31. Aber es gibt einen guten Ansatz. Denn die kleinste Lücke hat mit 14 Punkten der eigene Arbeitgeber. Zusammen mit dem hohen Vertrauenswert für den eigenen Arbeitgeber in Deutschland ergibt das eine für manche vermutlich überraschende Ausgangslage: Die interne Kommunikation ist nicht der Restposten der Vertrauensarbeit, sondern der Ort mit der besten Bilanz. 80 Prozent der befragten Beschäftigten in Deutschland halten obligatorische Trainings für den konstruktiven Umgang mit Konfliktsituationen für eine wirksame Maßnahme ihres Arbeitgebers.

Sieben Handlungsfelder für die Praxis

Aus den vorangegangenen Kapiteln lassen sich sieben Felder ableiten. Sie sind nach dem erwartbaren Nutzen geordnet, nicht nach dem Aufwand.

  • Verifikationsroutine vor Veröffentlichung: Nicht Detektionssoftware, sondern Fragen. Die dpa prüft innere Logik (stimmen Ort, Zeit und Umstände überein) und äußere Logik: gibt es weitere Aufnahmen, Quellen, Daten, die das Narrativ stützen oder widerlegen? Die billigste Fälschung, wie altes Material im falschen Kontext, wird so in Sekunden erkannt. In der Praxis: eine Checkliste vor jeder Freigabe.
  • Benannte redaktionelle Verantwortung: Die Ausnahme in Artikel 50 Absatz 4 greift nur, wenn eine identifizierbare natürliche oder juristische Person für die Veröffentlichung einsteht. Das ist keine Formalie, sondern die Organisationsform des Nachweises: Prüfschritt dokumentiert, Rolle benannt, im Zweifel auskunftsfähig. In der Praxis: eine Person muss final zeichnen.
  • Herkunftsnachweis in den Anbietervertrag: Ob ein Werkzeug maschinenlesbare Markierungen schreibt und ob diese den Export und das Redaktionssystem überstehen, hängt an der Technologie des Anbieters. Die Festlegung der maschinenlesbaren Marker gehört daher in die Leistungsbeschreibung – und das so schnell wie möglich. In der Praxis: C2PA beziehungsweise SynthID vertraglich verlangen.
  • Schutz vor Formatimitation: In der dpa-Befragung halten 56 von 90 Chefredaktionen die Nachahmung journalistischer Formate für besonders wirkungsvoll; mehr als Troll Farmen mit 53 oder Plattformalgorithmen mit 46 Nennungen. Auf Unternehmensseite wächst die Gefahr gefälschter Pressemitteilungen, gespiegelter Webseiten und missbrauchter Markenzeichen. Zwar können verifizierte Verteilerkanäle, ein auffindbarer Originalort für jede Mitteilung und dokumentierte Meldewege bei Missbrauch Abhilfe schaffen, aber vermutlich fehlen diese Themen in den meisten Krisenhandbüchern vollständig. In der Praxis: die Originalquelle sichtbar und auffindbar machen.
  • „Prebunking” statt „Debunking”: Soll heißen, vorher erklären, wie gearbeitet wird und woran eine echte Mitteilung zu erkennen ist. Das ist billiger als jede Richtigstellung und wirkt dann, wenn die Richtigstellung nicht mehr gelesen wird. In der Praxis: vorab erklären, woran echte Inhalte erkennbar sind.
  • Korrekturkultur: Wer korrigiert, dokumentiert, was geändert wurde, wie der Prozess gelaufen ist und wo die korrigierte Information erreichbar bleibt. Korrekturen, die hinter Fußnoten verschwinden oder als technisches Versehen ausgegeben werden, kosten mehr Vertrauen als der Fehler selbst. In der Praxis: jede Korrektur protokollieren.
  • Anschlussfähigkeit herstellen: Wer will, dass eine Botschaft weitergetragen wird, liefert Kontext und Fakten, mit denen die Adressaten in einem Gespräch bestehen können. Das ist das einzige Feld dieser Liste, das nicht defensiv ist. In der Praxis: Botschaften mit Gesprächswert formulieren.

Anschlussfähigkeit herstellen:Wer will, dass eine Botschaft weitergetragen wird, liefert Kontext und Fakten, mit denen die Adressaten in einem Gespräch bestehen können. Das ist das einzige Feld dieser Liste, das nicht defensiv ist.

Ein dokumentierter Fall der Formatimitation

Wie konkret die Gefahr von Formatimitation ist, zeigt eine seit 2022 laufende Operation, die unter dem Namen Doppelgänger bekannt wurde. Sie betreibt Klone echter News-Formate, zum Beispiel von Spiegel, Bild, Süddeutscher Zeitung und Guardian. Außerdem Kopien von Ministeriums- und Behördenseiten. Der technische Bericht des Auswärtigen Amts vom Juni 2024 beschreibt darüber hinaus Bildkacheln mit gefälschten Zitaten deutscher Prominenter und manipulierte Screenshots, in denen Politikern erfundene Tweets zugeschrieben werden. Die EU setzte im Juli 2023 beteiligte Unternehmen und Personen auf die Sanktionsliste, das US-Justizministerium beschlagnahmte Domains, Recherchen von CORRECTIV legten wesentliche Teile der Infrastruktur lahm. Für die Unternehmenskommunikation ist der Übertrag naheliegend und unangenehm: Was mit Nachrichtenmarken funktioniert, funktioniert mit Unternehmensmarken besser, weil dort niemand systematisch hinsieht. Und es funktioniert im Kern ohne generative KI.

Warum Kennzeichnung gegen den Kennzeichner arbeiten kann

Bleibt das anspruchsvollste Feld, und es betrifft ausgerechnet die Maßnahme, die ab dem 2. August Pflicht ist. Eine Untersuchung von Ternovski und Kollegen, die Kang und Valadez zitieren, ergab einen unbequemen Befund: Undifferenzierte Warnungen vor Deepfakes untergraben das Vertrauen in die betrachteten Inhalte. Sie können einen deception default erzeugen — eine Grundhaltung, in der auch authentisches Material für gefälscht gehalten wird. Der Befund von Benjamin Toff und Felix Simon, den Rasul und Kollegen zitieren, geht in dieselbe Richtung: Die Offenlegung der KI-Nutzung weckt Neugier, senkt aber zugleich Vertrauen und Glaubwürdigkeit.

Beides zusammen ergibt eine Regel, die dem intuitiven Reflex widerspricht. Denn die Kennzeichnung ohne begleitende Aussage darüber, wie sorgfältig gearbeitet wurde, addiert lediglich ein weiteres Unzuverlässigkeitssignal in einem Umfeld, das ohnehin unter Verdacht steht. Kennzeichnung wirkt deshalb am besten, wenn sie von einem knappen Hinweis auf Prüfung und Verantwortung begleitet wird. Nicht weil das Gesetz es verlangt — sondern weil das Label sonst gegen den Absender arbeitet. Das ist kein Argument gegen Artikel 50. Es ist das Argument dafür, ihn nicht als Zielerreichung zu behandeln.

Zwischenstand: Die Pflicht ab August ist in wenigen Wochen erfüllt. Die Fähigkeit dahinter braucht länger, und sie entsteht nicht in der Governance-Matrix, sondern bei den Leuten, die Material freigeben. Der erste Schritt ist deshalb kein Projekt, sondern eine Standortbestimmung: Welche Nachweise lassen sich heute führen, welche nicht — und wer würde im Zweifel dafür einstehen?

Quellen

  1. KPMG: Genertive KI in der deutschen Wirtschaft 2026. Befragung von 480 Entscheiderinnen und Entscheidern, März 2026. KPMG Befragungsergebnisse
  2. Kang, Seok; Valadez, Kayla: Deepfakes’ Cognitive, Emotional, and Behavioral Impact. A Systematic Review and Meta-Analysis of Individual Responses. Journalism & Mass Communication Quarterly 102(4), 2025, S. 958–992. DOI
  3. Ternovski u. a.: Befund zum deception default — undifferenzierte Warnungen vor Deepfakes untergraben das Vertrauen in authentische Inhalte. Zitiert nach Kang & Valadez 2025.
  4. Toff, Benjamin; Simon, Felix M.: Befund zur Wirkung von KI-Offenlegungen — sie wecken Neugier, senken zugleich Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Zitiert nach Rasul u. a. 2025: DOI
  5. Deutsche Presse-Agentur: Faktencheck auf neuem Terrain. Befragung von 90 Chefredaktionen, April/Mai 2023, veröffentlicht September 2023. dpa Whitepaper
  6. Edelman Trust Institute: 2026 Edelman Trust Barometer. Trust Amid Insularity. Germany Report. PDF
  7. Auswärtiges Amt: Technischer Bericht zur Desinformationskampagne Doppelgänger. 5. Juni 2024. PDF
  8. EU DisinfoLab: Doppelgänger. Deutsche Fassung bei der Bundeszentrale für politische Bildung. bpb.de
  9. CORRECTIV: Recherchen legen Doppelgänger-Kampagne lahm. 13. November 2024. correctiv.org
  10. Verordnung (EU) 2024/1689, Artikel 50 Absatz 4 (redaktionelle Ausnahme). AI Act Service Desk der Kommission

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