Kommunikationsaudit British Forces Germany

ProjektmanagementAls Berater bei Kohtes & Klewes PR1991

Kommunikationsaudit British Forces Germany

British Forces Germany

Wie eine Armee vor dem Abzug erfuhr, was die Presse wirklich über sie dachte.

Im Sommer 1990 beschloss die britische Regierung mit dem Reformprogramm „Options for Change“ eine grundlegende Verkleinerung ihrer Streitkräfte. Für Deutschland bedeutete das den schrittweisen Abbau der British Forces Germany, die seit 1945 mit Standorten unter anderem in Rheindahlen, Herford, Münster, Osnabrück, Paderborn und Gütersloh präsent waren. Was in London als militärpolitische Konsequenz des Kalten Kriegsendes verhandelt wurde, war vor Ort eine massive strukturelle Veränderung: Die Garnisonen waren über Jahrzehnte wirtschaftlich, kommunal und gesellschaftlich mit ihren Standorten verflochten – als Arbeitgeber, Mieter, Auftraggeber, Nachbarn und Partner von Vereinen und Städtepartnerschaften.

Auf britischer Seite bestand deshalb eine konkrete Sorge: Wie würde die deutsche Öffentlichkeit den Rückzug bewerten? Drohte ein Imageschaden – gegenüber einer Armee, die über Jahrzehnte als Schutzmacht und dann als Nachbar wahrgenommen worden war? Um diese Frage nicht auf Vermutungen zu gründen, wurde ein Kommunikationsaudit beauftragt. Kohtes & Klewes, damals die größte deutsche PR-Agentur, führte es gemeinsam mit einer Unternehmensberatung durch. Ich war zu diesem Zeitpunkt Beratungsmitarbeiter der Agentur.

Mein Auftrag umfasste den erhebenden Teil des Audits – also die Frage, wie sich die tatsächliche Haltung der relevanten Beobachter belastbar ermitteln lässt, statt sie aus der Berichterstattung rückzuschließen. Konkret:

  • Entwicklung eines Fragerasters, mit dem sich die Haltung lokaler, regionaler und nationaler Medien zum angekündigten Abzug systematisch erfassen lässt – nicht nur die geäußerte Meinung, sondern die dahinterliegende Bewertungslogik.
  • Durchführung der Interviews mit Redakteuren und Korrespondenten, unter anderem in den Bonner Hauptstadtbüros von FAZ, WELT und Süddeutscher Zeitung sowie in den Redaktionen an den betroffenen Standorten.
  • Gespräche mit den örtlichen Liaison-Officers und teilweise mit Standortkommandeuren über die Reaktionen, die sie aus Kommunalverwaltungen, Behörden, Kammern, Kirchen und Vereinen zurückgespiegelt bekamen.
  • Verdichtung der Ergebnisse zu einem Lagebild: Ist mit öffentlicher Kritik zu rechnen – und wenn ja, von welcher Seite, mit welcher Begründung und auf welcher Ebene?

Die Rollenbesetzung war dabei kein Zufall: Erforderlich waren ein journalistischer Hintergrund, um mit Redakteuren auf Augenhöhe und in ihrer eigenen Denklogik zu sprechen, und verhandlungssicheres Englisch für die Gespräche auf britischer Seite – einschließlich der Sensibilität für militärische Hierarchien und Gesprächskonventionen.

Grundlage war ein leitfadengestütztes, qualitatives Vorgehen. Statt standardisierter Fragebögen entstand ein Gesprächsleitfaden, der offene Antworten zuließ, aber über alle Interviews hinweg vergleichbare Kategorien erzeugte: Bewertung der Abzugsentscheidung selbst, Bewertung der britischen Streitkräfte als Institution, erwartete Folgen für die Region, Erwartungen an die Kommunikation der Briten.

Die Interviews führte ich persönlich – in den Bonner Hauptstadtbüros der überregionalen Tages- und Wirtschaftszeitungen sowie bei den lokalen und regionalen Titeln in den Garnisonsstädten. Allen Gesprächspartnern wurde Vertraulichkeit zugesichert; die Auswertung erfolgte ausschließlich aggregiert. Genau das ermöglichte die Offenheit, auf die es ankam: Journalisten sprechen anders über ein Thema, wenn sie nicht zitiert werden.

Parallel dazu die zweite Erhebungslinie auf britischer Seite: Gespräche mit Liaison Officers und Standortkommandeuren über die Signale, die sie aus ihrem zivilen Umfeld erhielten – aus Rathausgesprächen, aus der Zusammenarbeit mit Behörden, aus dem Vereins- und Partnerschaftsleben. Diese Innensicht ließ sich anschließend mit der Medienperspektive abgleichen: Wo deckten sich Wahrnehmung und Berichterstattung, wo lagen blinde Flecken auf beiden Seiten?

Die Ergebnisse flossen als eigenständiges Modul in das Gesamtaudit ein, das dem Auftraggeber als interne Entscheidungsgrundlage vorgelegt wurde.

Das Stimmungsbild fiel differenzierter aus als befürchtet – und in der Summe deutlich entspannter. Die Befragten äußerten sich durchaus kritisch, diese Kritik richtete sich jedoch auf die Notwendigkeit und die Begründung des Abzugs sowie auf dessen strukturelle Folgen, nicht gegen die britischen Streitkräfte als solche. Eine grundsätzlich negative, gegen die BFG gerichtete Haltung war weder in den Redaktionen noch im kommunalen Umfeld erkennbar.

  • Auf nationaler Ebene wurde der Truppenabbau sicherheits- und bündnispolitisch eingeordnet – als nachvollziehbare Folge des Endes des Kalten Krieges, nicht als Skandal oder Vertrauensbruch.
  • Auf lokaler und regionaler Ebene dominierten die konkreten Folgen: Arbeitsplätze, Kaufkraft, Wohnungsmarkt, Nachnutzung der Liegenschaften. Hier lag der eigentliche Kommunikationsbedarf – und hier war auch der Ton am schärfsten.
  • Die Innensicht der Standorte bestätigte dieses Bild: Die zivilgesellschaftlichen Reaktionen waren von Bedauern geprägt, nicht von Ablehnung.

Daraus ergab sich für den Auftraggeber eine belastbare Grundaussage: Das Risiko eines Imageschadens war deutlich geringer als angenommen. Der Kommunikationsaufwand war nicht auf Abwehr auszurichten, sondern auf Begleitung – mit klarem Schwerpunkt auf der lokalen Ebene, wo Konversion und wirtschaftliche Folgen die Agenda bestimmten, und unter Nutzung der bereits vorhandenen Liaison-Strukturen als Kommunikationskanäle.

Der Wert des Audits lag damit weniger in einer spektakulären Erkenntnis als in einer nüchternen: Es ersetzte eine Vermutung durch Evidenz – und verhinderte, dass Kommunikationsressourcen gegen ein Problem eingesetzt wurden, das in dieser Form nicht existierte.

Hinweis: Das Kommunikationsaudit war ein internes Auftragswerk und wurde nicht veröffentlicht. Die Darstellung beruht auf meiner persönlichen Beteiligung an dem Projekt; Auftraggeber-Interna und Gesprächspartner werden nicht benannt.

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