Wenn niemand mehr hinsieht

Deepfakes · Teil 3 von 5

Die meisten Abwehrstrategien gegen Desinformation gehen von einer Öffentlichkeit aus, die etwas Falsches glaubt. Das ist schon schlimm genug. Schlimmer wäre nur, wenn sie sich noch weiter distanzierte, irgendwann gar nichts mehr glaubt und aufhört, hinzusehen. Das ist keine rhetorische Zuspitzung, sondern der Befund einer Untersuchung, die ausdrücklich etwas anderes zeigen wollte.

Das Experiment, das seine eigene Hypothese widerlegte

Muhammad Ehab Rasul und seine Ko-Autoren haben im Dezember 2024 in den USA ein Experiment mit 637 Teilnehmenden durchgeführt. Die Frage: Was tun Menschen, wenn sie den Eindruck gewinnen, in den Medien werde versehentlich oder absichtlich falsch berichtet?

Die Erwartung folgte der gängigen Theorie: Wer den etablierten Medien misstraut, weicht auf Alternativen aus. Künstliche Intelligenz galt als plausibler Kandidat, weil Maschinen als unparteiischer wahrgenommen werden als Menschen.

Die Teilnehmenden lasen kurze Geschichten über eine fiktive Kleinstadt, in denen Medien entweder unabsichtlich falsch, absichtlich falsch oder korrekt berichteten. Danach wurde erhoben, welche Quellen sie künftig nutzen wollten. Das Ergebnis: Die Nutzungsabsicht sank. Und das sowohl für klassische Medien, für soziale Medien und für die KI. Die These, dass KI zur Ausweichquelle werden würde, ließ sich nicht nur nicht bestätigen, tatsächlich deuteten die Werte in die Gegenrichtung. Allerdings muss man wissen, dass die Stärke des Effekts eher klein war und die Vergleichsgröße nicht eine neutrale Kontrollbedingung, sondern die Bedingung korrekter Berichterstattung war. Gemessen wurde also die Differenz zwischen „Hier wird sauber gearbeitet“ und „Hier wird falsch berichtet“. Das schwächt die Zahl, aber nicht die Richtung.

Wer den Eindruck gewinnt, dass irgendwo gelogen wird, misstraut am Ende überall.

Der Begriff für diese Entwicklung ist älter als das Phänomen in seiner heutigen Form. Joseph Cappella und Kathleen Hall Jamieson beschrieben 1997 den „spiral of cynicism:“ Zynismus gegenüber der Politik greift auf die Medien über, die über sie berichten. Rasul und Kollegen übertragen den Begriff aus der Medien- und Politik-Forschung auf die Möglichkeit des digitalen Nachrichtenkonsums und beobachten, dass sich auch KI-Chatbots in dieser Auswahl etabliert haben.

„Die Dosis macht das Gift“?

Die deutschen Zahlen stützen das. Im Digital News Report geben fünf Prozent der erwachsenen Onliner an, in der Vorwoche KI genutzt zu haben, um sich über Nachrichten zu informieren. Allerdings ist dieser Wert gegenüber dem Vorjahr nicht gewachsen, auch nicht bei den 18- bis 24-Jährigen. Man könnte schließen, dass die Alternative eines anderen, KI-gestützten Nachrichtenkonsums zwar wahrgenommen, aber nicht genutzt wird.

Statt die technischen Mittel zu nutzen, um den Nachrichtenkonsum qualitativ zu verbessern senkt das Publikum lieber die Nachrichtendosis. Ganz nach dem Motto: Die Dosis macht das Gift. Das zeigt sich in den Zahlen: 72 Prozent der erwachsenen Onliner in Deutschland vermeiden Nachrichten zumindest gelegentlich aktiv, 15 Prozent tun das oft; seit der ersten Erhebung dieser Frage 2017 hat vermeidendes Verhalten in allen Altersgruppen zugenommen. Wichtig für die Einordnung: Vermeidung bedeutet nicht Totalverweigerung. Sie äußert sich meist darin, dass bestimmte Themen oder Quellen zeitweise ignoriert werden oder dass man zu bestimmten Tageszeiten nicht hinsieht.

Parallel verengt sich, was überhaupt noch wahrgenommen wird. Im Edelman Trust Barometer 2026 geben im 28-Länder-Schnitt 39 Prozent an, sich mindestens wöchentlich aus Quellen mit anderer politischer Ausrichtung als der eigenen zu informieren — sechs Punkte weniger als im Vorjahr. In Deutschland sind es 30 Prozent, ein statistisch bedeutsamer Rückgang um sieben Punkte. 81 Prozent der Befragten in Deutschland ordnet Edelman einer Haltung zu, die das Institut als insular bezeichnet: zögerlich oder gar nicht bereit, jemandem zu vertrauen, der sich in Werten, Fakten, Herangehensweisen oder Herkunft unterscheidet.

Genau das macht das Problem für die Kommunikationsarbeit so unangenehm. Der offene Boykott wäre erkennbar und messbar. Diese Form der Abwendung taucht in keinem Reichweiten-KPI auf. Dazu passt ein Befund, den Rasul und Kollegen aus der Forschungsliteratur zitieren: Nur etwa drei Prozent des Browsingverhaltens entfallen auf Nachrichtenseiten. Der Wettbewerb, in dem eine Unternehmensbotschaft steht, ist nicht der um Glaubwürdigkeit. Es ist der um die verbleibende Aufmerksamkeit in einem sehr kleinen Zeitfenster.

Das Vertrauensparadox

Hier wird es für die Praxis brauchbar. Fast die Hälfte der erwachsenen Online-Bevölkerung in Deutschland — 46 Prozent — hält die Nachrichten für in der Regel vertrauenswürdig. Fragt man dieselben Menschen nach den Nachrichten, die sie selbst nutzen, sind es 58 Prozent. Und gerade dieser zweite Wert steigt, während der erste stagniert; 2021 lag das allgemeine Vertrauen bei 53 Prozent, der heutige Wert liegt also unter dem damaligen Niveau.

Das Misstrauen richtet sich demnach gegen das mediale System, nicht gegen die konkreten Medien im eigenen Konsum-Repertoire. Soll heißen, wer in Umfragen erklärt, man könne ja niemandem mehr glauben, sagt keineswegs, dass den eigenen Quellen nicht vertraut wird. Mein Bauchgefühl sagt, das Gegenteil sei der Fall. Aber dazu habe ich keine Daten gefunden, die mein Gefühl stützen würden.

Allerdings wird das Gefühl plausibler, wenn wir das Edelman Trust Barometer mit in die Betrachtung nehmen. Es beschreibt dieselbe Bewegung von der anderen Seite. Auf die Frage, wie ein prägendes gesellschaftliches Ereignis der vergangenen fünf Jahre das eigene Vertrauen verändert habe, verlieren die geteilten Institutionen und gewinnt der Nahbereich: nationale Regierungsvertreter minus 16 Prozent, große Nachrichtenorganisationen minus 11 — Nachbarn, Familie und Freunde plus 11, Kolleginnen und Kollegen plus 11, der eigene Vorgesetzte plus 9 Prozent. Gerade hier in Deutschland ist der eigene Arbeitgeber mit 74 Prozent die Institution, der vertraut wird; Wirtschaft kommt auf 48 Prozent, Medien auf 46, Regierung auf 42, Nichtregierungsorganisationen auf 41 Prozent.

Für die Kommunikationsstrategie folgt daraus daher etwas ganz anderes, als die Vertrauensdebatte nahelegt: Das vorrangige Problem ist offenbar nicht die Glaubwürdigkeit, sondern der Zugang. Konkret: Eine Botschaft, die über einen Kanal kommt, den die Zielgruppe bereits nutzt und dem sie bereits vertraut, startet mit erheblichem Vorschuss. Es geht also weniger um inhaltliche Anpassung an einzelne Zielgruppen als um die Frage, wie man überhaupt ins Repertoire aufgenommen wird. Die Daten von Edelman legen nahe, dass die Unternehmenskommunikation noch mehr Gewicht auf die interne Kommunikation legen sollte. Das ist ehrlich gesagt keine weltbewegende Erkenntnis, aber vielleicht nehmen die Unternehmen sie ja endlich einmal ernst? Es wäre wohl besser.

Warum Gleichgültigkeit schlimmer ist als Lüge

Zum Schluss die Einordnung, die über die Zahlen hinausgeht. Der Philosoph Harry G. Frankfurt hat die Unterscheidung geschärft, um die es hier geht: Wer lügt, weiß, was wahr ist, und wendet sich dagegen. Wer Bullshit produziert, dem ist der Wahrheitswert seiner Aussagen gleichgültig. Frankfurt hält das für die größere Gefahr, denn der Lügner erkennt die Wahrheit immerhin noch als Maßstab an.

Philipp Hübl hat das auf den deutschen Kontext übertragen und um eine sozialpsychologische Erklärung ergänzt: Menschen neigen dazu, Zugehörigkeit höher zu bewerten als Wahrheit. Wer den Darstellungen seiner Gruppe folgt, zahlt einen niedrigeren sozialen Preis als der, der widerspricht — auch dann, wenn die Gruppe falschliegt.

Sicher, beide Texte sind Essays und keine empirischen Befunde. Aber sie liefern einen Deutungsrahmen und in der Einordnung dieses Rahmens sind sie präzise: Gegen eine falsche Behauptung helfen Belege. Gegen die Haltung, dass Belege ohnehin nichts entscheiden, helfen sie nicht.

Zwischenstand: Das Risiko besteht nicht darin, dass jemand etwas Falsches glaubt. Es besteht darin, dass niemand mehr etwas abnimmt — und dass dieser Rückzug in keiner Kennzahl auftaucht, bis die Reichweite fehlt. Wer wissen will, wo eine Organisation in dieser Hinsicht steht, kommt mit Reichweitenzahlen nicht weiter. Er muss die Frage anders stellen und anders erheben.

Quellen

  1. Rasul, Muhammad Ehab; Calabrese, Christopher; Oh, Yoo Jung; Cho, Hee Jung; Jeon, Moonsun; Boukes, Mark: „It’s All Fake News!“ How Perceptions of Misinformation and Disinformation Influence News Consumption Across Traditional Media, Social Media, and AI. Journalism & Mass Communication Quarterly 102(4), 2025, S. 993–1019. DOI
  2. Cappella, Joseph N.; Jamieson, Kathleen Hall: Spiral of Cynicism. The Press and the Public Good. New York: Oxford University Press 1997. Zitiert nach Rasul u. a. 2025.
  3. Wojcieszak u. a.: Anteil des Nachrichtenbrowsings am gesamten Browsingverhalten. Zitiert nach Rasul u. a. 2025.
  4. Hölig, Sascha; Behre, Julia; Stöwing, Ezra; Möller, Judith: Reuters Institute Digital News Report 2026 — Ergebnisse für Deutschland. Hamburg: Verlag Hans-Bredow-Institut, Juni 2026. DOI · PDF · Länderseite des Reuters Institute
  5. Edelman Trust Institute: 2026 Edelman Trust Barometer. Trust Amid Insularity. Germany Report. edelman.com [direkten PDF-Link ergänzen]
  6. Frankfurt, Harry G.: Bullshit. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2014. Deutsche Ausgabe von On Bullshit, Princeton University Press 2005.
  7. Hübl, Philipp: Bullshit-Resistenz. Berlin: Nicolai Publishing & Intelligence 2018.

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